Uniforum Giessen, 15.07.2004



"Glückliche und fruchtbare Zeit in Gießen"

125. Geburtstag von Prof. Dr. Margarete Bieber (1879-1978) - Erinnerung an die erste Professorin der Gießener Universität

Von Dagmar Klein

Der Geburtstag von Prof. Dr. Margarete Bieber jährt sich am 31. Juli zum 125. Mal. Sie war eine der ersten Frauen Deutschlands, die zur Habilitierung zugelassen wurden, noch vor der offiziellen Regelung von 1920. Sie war die erste Privatdozentin und die erste Professorin der Gießener Universität. Zuvor gehörte sie bereits zu den ersten Mädchen, die Abitur machten und später war sie die erste Professorin an der Princeton-University/New York.

Gießener Zeit 1919-1933

An der Gießener Universität wurde 1919 ihre Habilitationsschrift "Die Denkmäler zum Theaterwesen im Altertum" angenommen, nachdem die Gießener Philosophische Fakultät Anfragen an andere deutsche Universitäten geschickt hatte. Die meisten waren mit einem solchen Ansinnen noch nicht konfrontiert worden, daher war das Gutachten der Gießener Juristischen Fakultät ausschlaggebend. Es wurde darauf hingewiesen, dass "eine Reihe von Berufen, die früher gewohnheitsmäßig Männern vorbehalten waren, sich ihnen (den Frauen) erschlossen haben: so die des höheren Lehramts, der Arzte und Rechtsanwälte".

Am 14. Mai 1919 hielt Dr. Margarete Bieber ihre öffentliche Probevorlesung zum Thema "Griechische Frauenkleidung", das zum Forschungsschwerpunkt ihrer Gießener Zeit wurde und 1928 in das Buch "Griechische Kleidung" mündete. Sie war eine beliebte Lehrerin und unterrichtete in Gießen Generationen junger Archäologiestudentinnen und -studenten, zunächst als unbesoldete, ab 1923 als besoldete Privatdozentin (Dr. habil. apl.ao.). Ab 1928 leitete sie das Gießener Institut für Altertumswissenschaften und sorgte für einen enormen Aufschwung im Lehrbetrieb.

1931 wurde sie als erste Frau in Deutschland zur planmäßigen außerordentlichen (ao.) Professorin ernannt. 1932 teilte man ihr mit, dass sie ab Frühjahr 1933 auf den planmäßigen Lehrstuhl berufen werde. Im Alter von 53 Jahren schien endlich die finanzielle Absicherung in Sicht, sie erfüllte sich einen lang gehegten Wunsch und adoptierte ein Kind. Doch die Freude währte nur kurz. Unter den Nationalsozialisten galt sie als Jüdin und wurde im Juli 1933 entlassen.

Der entwürdigende Briefwechsel nach 1945 um die Anerkennung ihrer Pensionsrechte ist im Universitätsarchiv erhalten. Ihre Ernennung zur ersten (und bis heute einzigen) Ehrensenatorin der Gießener Universität 1957 lässt sich als Versuch einer späten Wiedergutmachung verstehen.

Herkunft und Ausbildung

Margarete Bieber (geboren 1897) stammte aus der Familie des reichen Mühlenbesitzers Jacob Bieber in Schönau/Westpreußen. Am humanistischen Privatgymnasium von Helene Lange in Berlin wurde ihr Interesse für das Klassische Altertum geweckt. Sie studierte ab 1902 in Berlin, ab 1904 in Bonn bei Prof. Georg Loeschke (1851-1915), bei dem sie promovierte mit: "Das Dresdener Schauspielrelief. Ein Beitrag zur Geschichte des tragischen Kostüms und der griechischen Kunst" (1907). Ihr gesamtes Studium absolvierte sie als Gasthörerin, da das ordnungsgemäße Studium den Frauen noch nicht erlaubt war. Das hieß: Für jede Vorlesung musste die Genehmigung des jeweiligen Professoren eingeholt werden. Als zweiter klassischer Archäologe erhielt sie 1909/10 ein Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts, bis 1914 lehrte und forschte sie in Rom. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste sie nach Deutschland zurückkehren und arbeitete in Berlin als Rot-Kreuz-Helferin. Schließlich übernahm sie an der Berliner Universität die Vertretung ihres erkrankten Doktorvaters Loeschke. Ihre Habilitation wurde mehrfach abgelehnt, weil sie Frau war und als Jüdin galt.
Erst die Empfehlung des mit ihr befreundeten Archäologen Prof. Gerhardt Rodenwaldt (1886- 1945), der 1917-1922 in Gießen lehrte, war von Erfolg gekrönt.

Entlassung und Exil

Margarete Bieber wurde im Juli 1933 aus dem Staatsdienst entlassen, weil sie als "teilweise jüdisch" galt. Sie gehörte zu den Deutschen, die von den Nazis zu Juden gemacht wurden. Sie hatte keine jüdische Religionserziehung genossen und war bereits in ihrer Bonner Studienzeit dem alt-katholischen Glauben beigetreten. 1960 schrieb sie an die Gießener Universität: "Ich bin allerdings jüdischer Abkunft, was ja der Grund meiner ungerechten Entlassung war. Ich bin aber Christin und zwar ein Mitglied der Diaspora der Bonner altkatholischen Gemeinde..."

Dank guten Zuredens von Freunden und der Solidaritätsbekundung ihrer Studenten ging sie mit ihrer fünfjährigen Adoptivtochter Ingeborg und ihrer Haushälterin schließlich ins Exil. Der Weg führte sie 1934 über London nach New York. Die "American Association of University Women" empfahl sie an die Columbia University, wo sie von 1937 bis 1948 als Gastprofessorin im Department of Art History and Archaeology unterrichtete.
1939 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft, ihre Schriftsprache war fortan das Englische.

Ehrungen im Alter

Auch nach ihrer Pensionierung unterrichtete sie weiter, dabei wurde sie immerhin die erste Professorin an der Princeton University (1949/50). Sie veröffentlichte weiterhin Bücher und Artikel zur Antikenrezeption, zu Skulpturen in amerikanischen Museen und zu ihrem Lieblingsthema, dem antiken Gewand. Es erfolgte sogar eine Neuauflage ihrer "Entwicklungsgeschichte der griechischen Tracht" (Berlin 1967). Sie wurde mit zahlreichen Ehrungen, Doktorwürden und Ehrenmitgliedschaften überhäuft.

Margarete Bieber war Gießen gegenüber nicht verbittert, sie nannte die 14 in Gießen verbrachten Jahre eine "glückliche und fruchtbare Zeit". Nach dem Krieg schickte sie Care-Pakete an deutsche Kollegen, auch an solche, die sie denunziert hatten. Sie blieb bis ins hohe Alter geistig rege und lebte im Haus ihrer Tochter Ingeborg Sachs, wo ehemalige Studenten und Kollegen sie besuchten, Archäologen und Autoren sie um Rat baten. Prof. Margarete Bieber starb am 25. Februar 1978, im Alter von 99 Jahren, in New Canaan im Staat Connecticut/USA.

1983 benannte die Stadt Gießen eine Straße im Gebiet am Sandfeld nach Margarete Bieber. Im Dezember 1997 eröffnete die JLU den frisch renovierten, einstigen Kunsthistorischen Hörsaal an der Ludwigstraße 34 unter dem neu­en Namen Margarete-Bieber-Saal.