19.07.2004

Dr. Jens Roselt
Theaterwissenschaft
Berlin

Die Arbeit am Nicht-Perfekten




Biographie ° Studium der Angewandten Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen ° 1998 Promotion in Gießen. Die Dissertation ist unter dem Titel Die Ironie des Theaters 1999 beim Passagen Verlag Wien erschienen ° 1999 bis 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen an der Freien Universität Berlin seit 2001 Hochschulassistent und Geschäftsführer des Sonderforschungsbereichs ° Lehraufträge an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Technischen Universität Berlin (Studiengang Bühnenbild) ° 1996 Gerhart-Hauptmann-Förderpreis der Freien Volksbühne Berlin ° 2000/2001 Hausautor am Staatstheater Stuttgart ° Schwerpunkte: Ästhetik des zeitgenössischen Theaters und der Performancekunst, Schauspieltheorie, Theorie und Methode der Aufführungsanalyse, Performativität im Theater.

Abstract ° Das klassische Kunstideal der Perfektion wird im gegenwärtigen ästhetischen Diskurs in vielfältiger Weise hinterfragt. Bei Perfektion geht es um Vollendung und Abschluss, das Nicht-Perfekte hingegen produziert Offenheit und vielfältige Anschlussmöglichkeiten. Damit kann vor allem die eigene Biographie zum Thema des Theaters werden. Zeitgenössisches Theater zeigt Lust und Interesse zur Arbeit am Nicht-Perfekten. Laiendarsteller tummeln sich neben den Profis und nicht nur bei Christoph Schlingensief werden geistig oder körperlich Behinderte vor die pikierte Öffentlichkeit gestellt. Doch die Vermutung, das Nicht-Perfekte würde der Bühne Authentizität einhauchen, wird entlarvt. Gerade in Schlingensiefs irrer Truppe sind die vermeintlichen Laien die größten Rampensäue. Auch die Funktion der Körper wird neu bestimmt, wenn diese nicht mehr als virtuose Ausdrucksinstrumente dienen, sondern lapidar in extreme Zustände versetzt werden. Körper sind Voraussetzung und Mittel des schauspielerischen Handelns, dem sie bei mentaler und physischer Überforderung zugleich einen Widerstand entgegensetzen. Dabei muss sich der Leib keineswegs als authentisches Refugium erweisen, vielmehr wird deutlich, dass auch und gerade Körper, zivilisatorischen Einschreibungen und kulturellen Verformungen ausgesetzt sind. Schauspielerinnen und Schauspieler sind die Helden und Heldinnen des zeitgenössischen Theaters, nicht weil sie in der Rüstung einer Rolle verschwinden und mit einem anderen Charakter verschmelzen, sondern weil sie durch Aufführungen in eine Art Ausnahmezustand versetzt werden und dabei Identität als Patchwork und permanentes Experiment vorführen. Theater wird dabei nicht zum letzten Hort der Authentizität, sondern im Gegenteil zum Ort, an dem man von dem alltäglichen Zwang zur Authentizität befreit wird. Was Zuschauer dabei lernen können, ist die Gelassenheit und Distanz, die man braucht, wenn einem neue Medien penetrant zu Leibe rücken.